The Missing Link?

Kunstpädagogik studierenKunst unterrichten
Zur Podiumsdiskussion vom 12.01.2011
Von Robert Hausmann

Im Flur
Die »Flurgespräche« sind eine monatliche Veranstaltungsreihe, ein Forum vornehmlich für Kunstpädagogikstudierende, aber auch für interessierte Gäste.
Im Mai 2010 ins Leben gerufen, finden sie seitdem traditionell und geradezu subversiv im Flur der August-Bebel-Straße 20 (Institut für Kunst- und Musikwissenschaft der TU Dresden) statt. Zwischen Durchgangsverkehr, Kaffeeautomaten und hellblauen Wänden, zwischen maroden Fenstern, knarrenden Türen und summenden Leuchtstoffröhren werden Fragen zur Kunstpädagogik erörtert. Hier stellten bereits fünf kiss-Stipendiaten der TU Dresden ihre Unterrichtsprojekte zu »Kunst und aktuelle Medienkultur« vor. Es wurde zum Thema »Streifzüge im Netz. Kunstpädagogische Aspekte medialer Wissensdarstellungen« referiert und über Cultural Hacking in der Kunstpädagogik diskutiert. Filme zu performativen Grenzgängern und Subversionen in der Kunst wurden besprochen und in der Veranstaltung »Do-It-Yourself @ Kunstpädagogik« ein Open Space zu Selbstbestimmung, Mitbestimmung und Teilhabe im Studium eröffnet.
Am 12. Januar 2011 fanden die Flurgespräche bereits zum sechsten Mal statt. Unter der Überschrift »The Missing Link?« diskutierten Experten aus Schule, Referendariat und Universität die Frage „Was muss ein Kunstlehrer können?“. Ziel dieser Podiumsdiskussion sollte es sein, Schule und Universität stärker zu vernetzen und gegenseitige Anforderungen und Wünsche zu kommunizieren.

Das Podium
Vertreter aller Bereiche des kunstpädagogischen Feldes kamen in der Veranstaltung zu Wort. Auf dem Podium saßen: Dr. Petra Resch (wissenschaftliche Mitarbeiterin im Fachbereich Kunstpädagogik, TU Dresden), Cindy Wünsche (Referendarin, Gymnasium Dreikönigschule, Dresden), Heinz Ferbert (Seminarleiter, Dresden) und Anne Heike Hertrampf (Fachberaterin im Fach Kunst, Gymnasium Luisenstift Radebeul). Die Moderation übernahm dankenswerterweise Ralf Seifert (Referent für Kulturelle Bildung, sächsisches Staatsministerium für Kultus und Sport), der zudem als ausgebildeter Kunstlehrer und in seiner Rolle als Referent für Kulturelle Bildung an der Entwicklung des ›neuen‹ sächsischen Lehrplans im Fach Kunst beteiligt war. Etliche Studierende der Kunstpädagogik sowie Referendare bildeten das Publikum.



The Missing Link?

Aus der Evolutionsbiologie stammend kennzeichnet der Ausdruck ›missing link‹ ein fehlendes Bindeglied in einer Kette, sozusagen einen Informationsverlust zwischen A und B. Bezogen auf die Kunstpädagogik kann der ›missing link‹ aber auch als »Leerstelle« bezeichnet werden, »bzw. als nicht gegebene Anschlussfähigkeit der Fachpraxis an die fachdidaktische Theorie, bzw. der Fachtheorie an die unterrichtliche Praxis.« (Helga Kämpf-Jansen: Zum ›missing link‹ der Kunstpädagogik. In: Manfred Blohm (Hrsg.): Kurze Texte zur Kunstpädagogik. Flensburg 2008, S. 101-106, S. 102) Dass Theorie und Praxis in Ausbildung und Beruf gemeinsame Sache machen müssen, wird im Streit der Hoheitsgebiete häufig vernachlässigt. Denn »ein hierarchisch strukturiertes Verständnis von denen da ›oben‹ (z.B. an den Universitäten), die keine Ahnung haben vom pragmatischen Schulalltag hier ›unten‹ an der Basis, wischt jede notwendige Auseinandersetzung beiseite.« (Kämpf-Jansen, S. 105)

Der klassische Bruch
Aus eigener Erfahrung bezeichnete Moderator Ralf Seifert den Übergang zwischen Studium und Referendariat als »alles andere als leicht«. Auch Cindy Wünsche bemerkte diesen Bruch sowie eine fehlende optimale Vorbereitung auf die kommende Referendariatszeit durch das Studium. Optimal, was heißt das? Unterschiedliche Erwartungsbilder an einen Kunstpädagogen dürften hierfür maßgeblich sein. Denn die Referendarin nahm doch einiges aus dem Studium mit, wie sie meinte. Besonders in Seminaren lernte sie, ihre eigenen und die Sichtweisen anderer zu hinterfragen, im Denken also beweglich zu bleiben und darüber hinaus einen eigenen Kunstbegriff zu entwickeln. Das zeigen vor allem ihre aktuellen Unterrichtsprojekte zu Themen wie Site-Specific-Performance oder Ästhetischer Forschung. Die Probleme, die nach dem Ersten Staatsexamen auftauchten, seien ganz anderer Natur: strukturierte Unterrichtsplanungen, die Formulierung konkreter Aufgabenstellungen bei geichzeitiger Ermöglichung von Freiraum sowie Bewertungen von Prozessen und Ergebnissen. Deshalb noch einmal: Optimal, was heißt das?
Deutlicher wurde das Erwartungsbild, als Heinz Ferbert das »Organisationsmodell für den Vorbereitungsdienst und die Zweite Staatsprüfung« zu erläutern begann. Eigentlich, lautete Ralf Seiferts Frage an dieser Stelle ganz anders, nämlich: »Herr Ferbert, welche Erfahrungen bringen Ihre Referendare aus den Schulen mit?« Ehrfürchtig war nun aber dieses tabellarisch gegliederte Modell gegenwärtig, das für Studierende, ganz sicher, alles andere als ordnend war.

Aber nach wenigen Erklärungen wurde die Grundstruktur des Referendariats ersichtlich. Hilfreich waren die mitgebrachten Wünsche seiner Referendare an das Studium. Da war zum Beispiel von einem Ausbau fachdidaktischer Positionen die Rede oder von dem Wunsch, die Altersspezifik von Inhalten, Aufgaben und Methoden im Studium zu diskutieren. Heinz Ferbert stellte eine für den Kunstunterricht wesentliche Frage: Wie motiviere ich im einwöchigen 45-Minuten-Takt? Und kam dabei unerwartet schnell auf ›didaktische Reduktion‹ zu sprechen.

Eine neue Hoffnung
Es scheint, als schraube das Referendariat an ganz anderen Anforderungen und Inhalten als das kunstpädagogische Studium. Wäre das ein Zwischenfazit?
Im Folgenden spielte Ralf Seifert auf ein weiteres »Problemfeld« an. Der Umgang mit dem Lehrplan gehöre ebenso zum Können eines Kunstlehrers, wie seine sinnvolle Decodierung, so Seifert. Fachberatern wie Anne Heike Hertrampf obliege dabei die Aufgabe der Qualitätssicherung. Sechs Jahre nach der Implementierung der ›neuen‹ sächsischen Lehrpläne im Fach Kunst, sollte die Fachberaterin und Kunstlehrerin an diesem Abend nun deren Wirksamkeit einschätzen. In ihrer Antwort spiegelte sich jedoch ein altbekanntes Problem wider. Denn nach Hertrampfs Einschätzung gehen die berufserfahrenen Lehrer mit den neuen Lehrplänen nach alten Mustern um. Das heißt, sie suchen nach Bekanntem und führen dieses fort oder erfinden Situationen, wo Neues durch Altes adaptiert werden kann. Bezüglich des Referendariats kam Hertrampfs Auffassung deutlich optimistischer an. Denn mit den ›vollen Akkus‹ des Studiums, brächten doch die Referendare »neuen Schwung« (Hertrampf) in den Unterrichtsalltag. So sollten sie meist mit aktueller Kunst und deren Ausprägungen vertrauter sein, auch mit neuen Medien und innovativen Methoden. Gleich wenn ein Mentor zu Beginn viele Bedenken hätte, bezüglich der Umsetzung dieses Neuen, könne er doch vom Referendar lernen: »Es saugen alle dankbar auf.« (Hertrampf)

Beweglichkeit
Die Frage, auf welche Motivationen sie bei Studierenden treffe, leitete Petra Resch an einen Studenten im Publikum weiter. Dieser berichtete, dass er bereits in der Schule den Entschluss gefasst hatte, Lehrer zu werden. Nach einem längeren Auslandsaufenthalt wurde er in seiner Absicht bestärkt, mit Menschen arbeiten zu wollen. Das Fach Kunst würde ihm die Möglichkeit eröffnen, auch etwas Persönliches mitzugeben. Aber das sollte ein guter Lehrer seit eh und je. Petra Resch resümierte deshalb, dass es vor allem eine Beweglichkeit im Denken, eine Weltoffenheit sowie die Neugier gegenüber Unbekanntem sei, die Motivation ausmache und die sie bei geeigneten Studienbewerbern entdecke.

Creatum
Wird Kreativität als die Schaffung »von Zukünftigem, aus den Ressourcen und der Umwertung des Vergangenen« (Huchler, Andreas, Jansen, Stephan A.: Einleitung: Rationalität der Kreativität? Ein kritischer, multidisziplinärer Diskurs im Überblick. In: Jansen, Stephan A., Schröter, Eckhard, Stehr, Nico (Hg.): Rationalität der Kreativität? Multidisziplinäre Beiträge zur Analyse der Produktion, Organisation und Bildung von Kreativität. Wiesbaden 2009, S. 7-11, S. 7) verstanden, so sollte der Kunstunterricht die Gelenkstelle dafür bilden. Für Cindy Wünsche scheitert die Förderung von Kreativität im Unterricht allerdings an den äußeren Umständen, denn Zeit, Motivation, geringe Stundenzahl und die Heterogenität der Klasse seien Widerstände. Heike Hertrampf hielt dagegen, dass Kunstunterricht sehr wohl Kreativität fördern könne, sieht allerdings die Lehrperson und deren Motivationsfähigkeit in der Pflicht.
Sofort insistierte eine Seminarleiterin aus dem Publikum: »Ich kann es nicht schaffen 30 Schüler von meinem Unterricht zu überzeugen. […] Unsere Aufgabe müsse es vielmehr sein, Kreativität zu vermitteln.« Und Heinz Ferbert macht die Kreativität eines Schülers vom Lehrer abhängig. Bei ihm gebe es die beste Note für ein ›kreatives‹ Weiterdenken der Aufgabe durch den Schüler. Nach Absprache mit der Lehrperson, werde dann entschieden, ob das Vorhaben wirklich ›kreativ‹ sei.
Wäre das dann Kreativität mit Erlaubnis?

Eigenschaften
»Kunstpädagogik zählt zum Kernbereich kultureller Bildung, die derzeit Hochkonjunktur hat« (Ralf Seifert). Für Petra Resch zeichnet sich deshalb das Bild eines guten Kunstpädagogen durch viele Eigenschaften aus. Vor allem Empathie für die aktuelle Situation der Schüler sowie die äußeren und inneren Strukturen des Unterrichts würden dabei hineinspielen. Aufgabenorientierungen, beispielsweise in Form von kurzen 5-Minuten-Produktionen, seien ebenso legitim wie freie Arbeit. Dabei ist immer auch die äußere Rahmung, eine Art »Abrundung« (Petra Resch) entscheidend. »Ein guter Auftakt und ein gutes Ende« sei für die Kunstpädagogin wichtig. Auch seien es Flexibilität und eine passende Auswahl von Themen, die die Qualität und Begeisterung für das Fach ausmachten. Der sächsische Lehrplan hätte dafür gute Bedingungen geschaffen, so Petra Resch.

Connections
Es ist keine neue Erkenntnis, dass dem Kunstunterricht auf der Stundentafel nur ein geringer Rang zugewiesen wird. Aus diesem Grund wirft der Moderator die Frage auf, ob nicht dauerhafte Fächerverbindungen Lösungen bereitstellen könnten, um mehr Freiheiten zu erlangen. Ralf Seifert betonte, dass dies in anderen europäischen Ländern bereits der Fall sei. In Belgien beispielsweise heißt es »Darstellende und Ausdrucksorientierte Kunst«, auf Malta »Kulturerwerb«, in Griechenland »Ästhetische Bildung« und in der Tschechischen Republik »Kunst und Kultur«.
Bekanntlich hat Deutschland aber ein föderalistisches Bildungssystem. In Sachsen, so Cindy Wünsche, wäre daher der Ansatz der Fächerverbindung im sogenannten Profilunterricht schon gegeben. Sie könne dem Zusammenschluss von Fächern nur zustimmen, da dann mehr Zeit für eine nachhaltige Kreativitätsentwicklung zur Verfügung stünde. Aus dem Publikum wurde eingeworfen, dass doch gerade unter Berücksichtigung aktueller Medienkultur Fächer wie Informatik oder Mathematik einen Verbund mit dem Fach Kunst eingehen könnten. Mehr Verknüpfungen und weniger Einzeldisziplinen würden Schule dadurch lebensnaher gestalten. Ralf Seifert stellte prompt die Frage, ob Fächerverbünde eine bessere Antwort auf eine zeitgemäße Bildung wären und eine Stoffreduktion als Chance betrachtet werden könnte.
Petra Resch sieht das realistischer. Eine Einzelperson wisse nicht alles und was sich an neuen Möglichkeiten eröffne, könne vom Einzelnen auch nur partiell wahrgenommen werden. Der Kunstbegriff erweitere sich täglich, die Kommunikationsmöglichkeiten seien schier unbegrenzt und jede noch so gute Vernetzung, jeder Grenzverlust würde eine neue Grenzziehung zur Folge haben.

Kunstpädagogik international

Der Hype um den sogenannten Pisa-Schock verlangt eine Profilierung des Faches, um im allgemeinen Kanon Gleichrangigkeit und Legitimation zu beweisen. Ist diese bis dato erreicht? Betrachtet man eine internationale Studie der Europäischen Kommission (2009), die Ralf Seifert präsentierte, wird deutlich, dass es acht grundlegende Ziele des Kunstunterrichts sind, die 21 europäische Länder gemein haben: 1. Entwicklung künstlerischer Kompetenzen und Kenntnisse; 2. Förderung des Verständnisses für künstlerische Inhalte; 3. Beschäftigung mit vielfältigen Kunstformen; 4. Förderung eines Kulturverständnisses; 5. gemeinsame Erfahrung von Kunst; 6. Entwicklung musischer Rezeptions- und Aktionskompetenz; 7. Selbstvertrauen, Selbstwertgefühl, Förderung individueller Ausdrucksfähigkeit, Teamfähigkeit, interkulturelles Verständnis, kulturelle Teilhabe; 8. Kreativität und Kulturerziehung.
(Vgl. Exekutivagentur Bildung, Audiovisuelles und Kultur (EACEA) (Hrsg.). Kunst- und Kulturerziehung an den Schulen in Europa. 2009. http://www.eurydice.org)

Helga Kämpf-Jansen könnte dafür folgende Haltung eines Kunstpädagogen konstruiert haben: »Statt des Festzementierens beispielsweise einer überlegenen Ich-Instanz wäre ein kritisches Hinterfragen subjektiver Geschmacksurteile, das Relativieren eigener Sichtweisen in der Auseinandersetzung mit den Sichtweisen anderer, der Wechsel des Blickes und das Verständnis für andere ästhetische Vorlieben, Bedürfnisse, Einstellungen und Verhaltensweisen angemessen.« (Kämpf-Jansen, S. 104)

Zum Mehrwert
Leerstellen sollen ja bekanntlich und vorrangig in der Bildung etwas Positives für sich haben. Der genaue Standort des ›missing link‹ jedoch konnte noch nicht verortet werden. Das war auch nicht das Ziel der Flurgespräche.
Viele Themen rund um Schule und Studium wurden angesprochen, keines, und das ist das allgemeine Echo von Podiumsdiskussionen, endgültig geklärt. Denn so die kollektive Intelligenz der Wikipedia: »Bei einer Podiumsdiskussion […] kommen Fachleute oder Vertreter von Interessengruppen zum Gespräch vor einer größeren Zuhörerschaft zusammen, um ihre Auffassungen darzustellen und zu vergleichen, und um gemeinsam einen Mehrwert zu erzeugen.«(http://de.wikipedia.org/wiki/Podiumsdiskussion; Zugriff am 23.01.11)
Diesen Mehrwert konnte sich der Zuhörer oder kann sich der Leser dieses Konzentrats aus den Antworten und Beiträgen der Teilnehmer eigenmächtig fischen, sozusagen seine Beweglichkeit erproben und eine eigene Haltung entwickeln.

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