In drei Minuten

Die 7. Flurgespräche unter dem Titel »Hallo Welt!« waren mit ihrem neuartigen Gesprächsdesign ein voller Erfolg. Nach der Vorstellung des Projekts »ZwischenPunktMenschen« durch Alrun Krauß war das Publikum gefragt, in drei Minuten eigene Beiträge zu liefern. Es wurden kurze Videoclips gezeigt, Tagebucheinträge des Jahres 1986 über Tschernobyl und seine Auswirkungen vorgetragen, die Anwendung eines Nikotinpflasters gezeigt, performativ interagiert und dabei der Flur unter Wasser gesetzt, Sammelfiguren vorgestellt, 46 Musikstücke in drei Minuten abgespielt oder die große Pro-Anti-Welle aktueller politischer/ ökologischer/ wirtschaftlicher Strömungen in einer drei-minütigen Aufzählung gefoppt. Die Mischung zwischen Spaß und Ernst war kennzeichnend.

»Nehmen Sie an, die Sintflut fällt unter Blitz und Donner vom Himmel auf Ihr Blätterdach, dann können Sie, wenn sich das Unwetter überhaupt überstehen lässt, es besser überstehen, wenn Sie ein Lied für den Wettergott rezitieren. Es ist nicht wichtig, dass Sie selber Wetter machen können, – auch die modernen Techniken reichen noch nicht ganz bis dorthin -, sondern dass Sie eine Technik kennen, bei schlechtem Wetter in Form zu bleiben; es muss in Ihrer Kompetenz liegen, auch dann etwas zu tun, wenn man ansonsten nichts tun kann. Nur wer weiß, was man tut, wenn nichts zu machen ist, verfügt über hinreichend effiziente weiterlaufende Lebensspiele, die ihm dabei helfen, nicht in auflösende Panik oder seelentötende Starre zu verfallen. Gekonntes Nichtkönnen stiftet eine Art Leerlaufverhalten oder einen Parallelprozess, in dem das Leben auch in Gegenwart des Ohnmächtigmachenden weitergehen kann.« (Peter Sloterdijk, Sven Voelker: DER WELT ÜBER DIE STRAßE HELFEN. Designstudien im Anschluss an eine philosophische Überlegung. München 2010, S. 13.)

»DER WELT ÜBER DIE STRAßE HELFEN«. Dieser Satz impliziert ein Provisorium, etwas Gebautes, etwas Hinkendes, er steht für Kreativität (im ursprünglichen Sinn, als die Schaffung von etwas Neuem aus etwas Altem, nicht das heute häufig missbrauchte Wort für ›hübsche‹ Tonklumpen oder Sparkassen-Vorraum-Kunst u.a.), er ist eine Ironie und in gewisser Weise sarkastisch. Ein Witz für den Fortschritt. Jede/Jeder kann der Welt über die Straße helfen. So könnte der Titel dieses Buches aber auch zum Slogan avancieren oder mutieren. Ein wunderbarer Titel. Stellen wir ihn uns in einer Werbung vor, für das ultimativ Neue oder Andere, für eine Entscheidung, ein Produkt, für Protest, eine Technik oder Technologie, für einen ökologischen/ökonomischen/politischen oder sozialen Fortschritt oder eine Veränderung: »Heute haben wir der Welt aber wieder über die Straße geholfen«, könnte es dann heißen.
Und deshalb bewegen sich diese Worte zwischen Sinn und Unsinn. Sie machen den Unsinn erst produktiv. Denn dieser Un-Sinn, das im ersten Moment Unbegreifliche, Verwirrende, wird einem Sinn zugeführt und vielleicht von einem anderen Punkt als zuvor betrachtet. Genauso verhält es sich mit dem Nichtkönnen, wie es Sloterdijk beschreibt: »Nur wer weiß, was man tut, wenn nichts zu machen ist, verfügt über hinreichend effiziente weiterlaufende Lebensspiele […]«.
Hallo Welt! Lass dir von uns über die Straße helfen.

Advertisements

Über realraum

www.realraum.wordpress.com
Dieser Beitrag wurde unter diskussion, veranstaltung abgelegt und mit , , , , , , , , , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s